5. Das Problem des Gesetzes


Es ist schwer eine allgemeine Definition zu finden, was ein Gesetz ist und wie sich das prüfen lässt. Nicht jeder Allsatz ist zwangsweise ein Gesetz. So können wir Allsätze nicht verifizieren. Auch die "grot"-Paradoxie zeigt und Probleme, die das Verständnis von Allsätzen als Gesetze mit sich bringt. Wir benötigen also ein Kriterium welche Sätze induktiv bestätigungsfähig sind (also Gesetzte) und welche nicht (keine Gesetze). Dieses Kriterium muss auch ausschließen, dass nicht gleich jeder Allsatz in Konditionalform zum Gesetz erklärt wird. Eine Aussage wie „Alle Äpfel in diesem Korb sind rot“ mag richtig sein, hat aber keinen Gesetzescharakter.

5.1 Die „Grot“-Paradoxie

Man kann zeigen, das es nicht ausreicht Allsätze in Konditionalform zu belegen, da sich Konditionalsätze formulieren lassen, die zwar bestätigt werden können, die Theorie aber nicht sinnvoll und zum Gesetz machen. Folgende Hypothese, die sogenannte „grot-Paradoxie“ ist wohl immer wahr: „Smaragde sind grot: Smaragde die ich bereits beobachtet habe, sind alle grün; bevor ich sie aber beobachte sind sie immer rot.“ Diese zeitliche Bedingung verhindert eine Überprüfung, da eine Nicht-Überprüfung vorausgesetzt wird. Diese Theorie ist nicht fasifizierbar und unterliegt dem Induktionsproblem. Ein Lösungsvorschlag ist immer besser bestätigten Hypothesen zu vertrauen. Die Behauptung, dass alle Smaragde immer grün seien, ist ebenso gut bestätigt aber einfacher und das Prädikat „grün“ ist in unserem allgemeinen Sprachgebrauch einfach besser verwurzelt als „grot“.

5.2 Irrationale Konditionalsätze

Ein weiteres Problem für Gesetze sind irrationale Konditionalsätze ("Hätte ich nicht verschlafen, wäre ich zur Vorlesung gekommen."), die durchaus logisch wahr sind (was sich auch anhand von Wahrheitstabellen belegen lässt) - aber keinen Erklärungswert besitzen. Dennoch können die Behauptungen von irrationalen Behauptungen in der Praxis von Bedeutung („Wäre das Hochwasser noch höher gewesen, so wäre der Deich gebrochen.“) sein, deswegen dürfen wir sie nicht einfach ausschließen. Wichtig für die Wahrheit eines irrationalen Konditionalsatzes hängt von der Wahrheit des Gesetzes ab, auf dem er basiert („Ein Deich, der auf einer solchen Konstruktion beruht, bricht beim Wasserpegel von 5,20 m über normal.“).

5.4 Kandidaten für Gesetzmäßigkeit

Kandidat I: Sätze in syntaktischer Form eines Allsatzes
Nicht ausreichend, weil nicht jeder Allsatz ein Gesetz ist.

Kandidat II: Syntaktische Allsätze die sich nicht auf ein bestimmtes Individuum oder Zeit-Raum-Positionen beziehen
Ebenfalls nicht ausreichend, durch Einführung neuer Bezeichnungen kann die Formulierung dieses besonderen Bezugs vermieden werden

Kandidat III: Allsätze die nicht endlich viele Anwendungsfälle haben
Nicht ausreichend: Keplers Planetengesetze hatten endlich viele Anwendungsfälle, man kann Gesetzte über Phänomene formulieren, die man noch gar nicht beobachtet hat (die Existenz schwarzer Löcher wurde schon vor ihrer Beobachtung behauptet)

Kandidat IV: Semantisches Kriterium der Gesetzesartigkeit: Allein aus der Bedeutung der im Gesetzessatz vorkommenden Ausdrücke darf nicht gefolgert werden können, dass der Satz endlich viele Anwendungsfälle hat bzw. sich auf bestimmte Individuen oder Raum-Zeit-Stellen bezieht.
Damit wird die Gesetztesdefinition aber sprachabhängig, das sollen Gesetze aber nicht sein.

Kandidat V: Pragmatisches Kriterium der Gesetzesartigkeit: Wir benutzen einen Satz nicht für Prognosen, weil er ein Gesetz ist, sondern weil wir ihn für Prognosen benutzen, ist er ein Gesetz.
Das hätte zu Folge, dass Gesetze Personen-abhängig werden, jeder kann seine eigenen Gesetze haben.

5.5 Minimalkriterien für Gesetze

Die Definition des Gesetzesbegriffes soll also absurde Erklärungen ausschließen, induktiv bestätigbare Aussagen identifizieren und erklären, wann irrationale Konditionalsätze wahr sind. Letztendlich lassen sich (wie auch schon beim Sinnkriterium des logischen Empirismus) aber keine Kriterien finden, um ein Gesetz als solches zu verifizieren. Man kann lediglich den Versuch unternehmen, Minimalkritierien zu formulieren:
1. Gesetze sollen allgemein sein um Gesetzescharakter zu haben ( und sich nicht auf Einzelobjekte wie "alle Äpfel in diesem Korb" beziehen )
2. Die Bedeutung des Allsatzes sollte nicht die Endlichkeit des Anwendungsbereiches oder den Bezug auf bestimmte Individuen und Raum-Zeit-Positionen implizieren.
3. Verwendung von in der induktiven Praxis gut verankerten Prädikaten ("grün" statt "grot")

5.6 Evolutionäre Gesetzesbildung

Man kann bei der Gesetzesbildung Parallelen zur biologischen Evolutionstheorie ziehen. Hypothesen, die sich bewährt haben setzten sich gegenüber diesen durch, mit denen wir schlechte Erfahrungen gemacht haben. Dies klingt zwar einleuchtend, Kriterium für die Wahrheit von Gesetzen wäre dann aber wohl die Geduld – kein besonders exaktes Kriterium.