Grundlagen positiver und normativer Theorie


Die Herangehensweise Leschkes an die Mikroökonomie muss P&Elern eigentlich gefallen - schließlich geht er sehr grundsätzlich und ehrlich an die Thematik heran. Der erste Kapitel der Vorlesung lässt sich teilweise als Philosophie der Ökonomie, also der Meta-Ebene zu verstehen. Als erstes gilt es zu klären, was Ökonomik eigentlich ist, wie sie sich als Wissenschaft versteht und was ihre Ziele sind. Dabei werden in der Vorlesung auch miteinander konkurrierende Sichtweisen vorgestellt. Nicht alles, was in der Vorlesung vorgestellt wird muss auch zusammenpassen. So werden auch verschiedene Bewertungskriterien vorgestellt.

Was ist Ökonomie?


Es gibt mehrere gute Erklärungen dafür, was Ökonomie ist, weil sich die Motivation und Ziele einzelner Untergebiete dieser Wissenschaft voneinander unterscheiden. Es gibt also keine beste Erklärung dafür, was Ökonomie eigentlich ist. Ökonomik ist auf jeden Fall eine Sozialwissenschaft, die sich mit menschlichen Handeln beschäftigt und das in aller erster Linie im wirtschaftlichen Kontext.
  • Ökonomik ist die Erklärung des Bereichs „Wirtschaft“, also der Güter- und Geldströme.
  • Ökonomik ist die universelle Erklärung menschlichen Verhaltens.
  • Ökonomik befasst sich mit der Allokation von Gütern und Leistungen (Spannungsverhältnis zwischen Zielen und knappen Mitteln).
  • Ökonomik ist die Erklärung menschlichen Verhaltens unter Knappheit, mit dem Ziel, Knappheitsprobleme zu lösen.
  • Die Ökonomik befasst sich mit Problemen und Möglichkeiten der gesellschaftlichen Zusammenarbeit zum wechselseitigen Vorteil.

Positive und normative Theorie


Man muss innerhalb der Ökonomie zwei Arten von ökonomischen Aussagen unterscheiden: Positive (deskriptive) und normative Aussagen. Die positive Theorie versucht wirtschaftliche Zusammenhänge zu verstehen und neutral zu beschreiben, ohne dabei Werturteile zu fällen. An dieser Stelle liegen auch die Schnittpunkte zur Philosophie, weil sich die Ökonomie dabei auch Erkenntnissen aus Entscheidungs- und Spieltheorie bedienen muss. Die positive Theorie bedient sich oft des homo-economicus-Modells, um menschliches Handeln zu erklären. Diese beschreibende Theorie soll auch empirisch überprüfbar sein, wobei sich die Ökonomie zum Vorwurf machen kann, dass sie oft nicht in der Lage ist eine empirische Überprüfung zu bestehen.

Wirtschaft wird aber dann normativ, wenn sie Sollens-Aussagen formuliert, wie etwa "die Unternehmenssteuern sollen gesenkt werden". Normative Urteile. Normative Aussagen sind oft auch ideologisch motiviert. Ein freier Markt wird von Ökonomen oft als Grundvorraussetzungen gefordert. Allerdings wird das von Ökonomen nur als erfolgreichster Weg zum eigentlichen konsensualen Ziel, der Förderung des Wohlstandes, gesehen. Warum dieser Weg nur über den freien Markt führen kann, versuchen Ökonomen dann mit der positiven Theorie zu erklären. Normative Theorie basiert also auf der positiven Theorie und muss sich auch ändern, wenn es neue Erkenntnisse in der positiven Theorie gibt.

Die Ziele setzt dabei die Politik, aber auch Ökonomen selber, wenn sie fordern, dass sich Wettbewerbsteilnehmer rational und nutzen-maximierend verhalten sollen, um den Wohlstand zu vergrößern oder wenn sie Kriterien suchen (,wie unten aufgeführt), nach denen sich wirtschaftlichen Maßnahmen bewerten lassen. Die Forderung nach der Senkung der Unternehmenssteuern, lässt sich, um das ideologische Element zu vermeiden, so umformulieren: "Wenn es im allgemeinen Interesse ist, das Wachstum in Deutschland zu stärken und die Arbeitslosigkeit abzubauen, dann ist es vernünftig, die Unternehmenssteuern zu senken." Die Politik muss aber klären, was das allgemeine Interesse ist und wie hier Präferenzen gesetzt werden.

Kriterien der Ökonomie


In der normativen Theorie hat die Ökonomie selbst Ziele und Kriterien formuliert, nach der sich gutes Wirtschaften und gute Wirtschaftspolitik bewerten lassen. Dabei geht es hier vor allem um die Umverteilung von Gütern bei wirtschaftlichen Prozessen.

Pareto-Kriterium

Das Pareto-Kriterium ist ein sehr strenges Kriterium, dass in der Praxis fast nicht umsetzten lässt. Es fordert, dass etwa bei Reformen durch die Veränderung kein Individuum schlechter gestellt werden darf als zuvor. Veränderungen dürfen nur zu Verbesserungen oder Erhaltung der materiellen Position der Betroffenen dienen, nicht aber zu einer Verschlechterung auch nur eines beteiligten. Als pareto-optimal wird der Zustand bezeichnet, bei dem sich kein Individuum besser stellen kann, ohne ein Individuum schlechter zu stellen. Als pareto-superior wird der Zustand bezeichnet, bei dem sich einige Individuen besser stellen können, ohne auch nur ein einziges Individuum schlechter zu stellen. Wird durch Allokation von Ressourcen mind. ein Individuum schlechter gestellt, so bezeichnet man diesen Zustand als pareto-inferior.

Ein Beispiel: Es gibt eine Welt mit 6 Äpfeln & 2 Individuen (A,B).
  • Der Zustand null-null (A hat null & B hat null) ist nicht pareto-optimal, weil sich die materiellen Positionen von A & B noch verbessern können, ohne dass sich einer von ihnen verschlechtert. Er ist pareto-superior, weil sich einer von ihnen verbessern kann, ohne den anderen schlechter zu stellen und damit ist er nicht pareto-inferior.
  • Der Zustand zwei-zwei ist nicht pareto-optimal, er ist pareto superior und damit nicht pareto-inferior.
  • Der Zustand drei-drei ist pareto-optimal und damit nicht pareto-superior.
  • Der Zustand sechs-null ist pareto-optimal und damit nicht pareto-superior.

Beachte, dass lediglich Zustände betrachtet werden und dass von der Tatsache ausgegangen wird, dass weder A noch B vorher etwas haben. Pareto-optimal ist der Zustand also immer dann, wenn es keine Güter mehr zu verteilen gibt, die sich nicht in irgendjemandes Besitz befinden. Pareto-superior ist damit der Zustand, in dem die Verbesserung mind. eines Individuums möglich ist, weil Güter existieren, die man keinem anderen Individuum wegnehmen muss ( das wäre sonst pareto-inferior).

Kaldor-Hicks-Kriterium

Da politische Reformen ohne Verlierer, wie in Pareto-Kriterium gefordert, nicht möglich sind, versucht das Kaldor-Hicks-Kriterium einen besser realisierbaren Maßstab zu setzten: Maßnahmen sind dann zu befürworten, wenn Akteure so weit besser gestellt werden, dass sie theoretisch den Verlust des Benachteiligten kompensieren könnten. Diese Maßstab macht Reformen und "gutes" wirtschaften deutlich leichter, da quasi nur der Durchschnittliche Wohlstand betrachtet wird. Das Kriterium ist deutlich leichter zu erfüllen, greift aber wie auch das Pareto-Kriterium zu kurz. So müssten Ökonomen nach diesem Kriterium Subventionsabbau ablehnen, da Unternehmen so ja schlechter gestellt werden.

Konsenskriterium

Das Konsenskriterium betrachtet speziell Institutionen. Politische und wirtschaftliche Maßnahmen sind dann zu befürworten, wenn die Individuen, auf denen die Institutionen beruhen, solchen Veränderungen zustimmen und sie nicht gegen Regeln höheren Rangs (oberste Regeln: Menschenrechte, Verfassung) verstoßen. Im Staat geschieht das indirekt durch Repräsentanten, die aufgrund der Masse an Menschen, die sie vertreten auch für pareto-superiore Maßnahmen stimmen müssen. Werden alle Betroffenen gefragt tatsächlich gefragt, handelt es sich um nichts anderes wie das Pareto-Kriterium für Institutionen. Die Interpretation, dass die Repräsentanten für die Betroffenen entscheiden, führt zu nichts anderem wie eine Beschreibung der Realität: "Gut ist, wozu alle zustimmen können und was rechtens ist."

Rawls-Kriterium

Ergänzenderweise wird auch das Rawls-Kriterium erwähnt. Dieses sollte wohl bekannt sein und sagt aus, dass die Qualität einer Maßnahme sich daran ermessen lässt, um welchen Grad sie die am schlechtesten Gestellten in der Gesellschaft besser stellt.

Entscheidende Kriterien für Bewertungen innerhalb der Vorlesung ist aber das Pareto-Kriterium und das von ihm abgeleitete Konsenskriterium.

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